Lust entsteht durch die Freude, den Körper zu entdecken

"Sexualität bedeutet lebenslanges Lernen": Dies ist die Grundprämisse von Manu Roland Meier. Als Sexualberater und Sexualcoach hat er im Jahr 2004 zusammen mit seiner Lebenspartnerin Brigitta Jecko "Manumagic" gegründet. Unter dem Slogan "Berühren – Beraten – Bewegen" können Männer und Frauen dort neue Zugänge zu ihrem Körper und ihrer Sexualität erleben und erlernen.

VINICO: Der Slogan von Vinico lautet: "Entdecke Deine Lust". Was denken Sie, was brauchen Menschen, um ihre Lust zu entdecken?

Meier: Hilfreich ist eine gute Kenntnis über den eigenen Körper und Freude daran, den Körper zu entdecken.
Als Kind leben wir diese Freude normalerweise ganz automatisch. Irgendwann auf dem Weg zum Erwachsenen kommt dann oft ein Gefühl von "Das war’s"– wir hören auf, uns selbst zu entdecken. Das heißt, es gibt da ein Potenzial, was brachliegt.

VINICO: Und bei diesem Punkt setzen Sie an? Was hilft Menschen in dieser Situation?

Meier: Ja, wir ermöglichen den Menschen, wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen, ihrem Körper wieder näherzukommen. Das ist gar nicht so schwierig. Zuerst braucht es eine kopfmäßige Entscheidung, dass ich etwas verändern will. Der Körper lernt meist schnell. Entscheidend ist, dass wir dafür die Zeit und die Wichtigkeit einräumen, dann kommt das Ganze in Gang.

Manu Roland Meier

VINICO: Wie sieht Ihre Arbeit dann konkret aus?

Meier: Zuallererst fragen wir die Menschen, wie sie ihren Sex im Moment erleben, wir gehen also auf die Ebene der Kognition. Immer wieder kommen dann alte Glaubensmuster zur Sprache oder Mythen über Körper und Sexualität, die es aus der Welt zu schaffen gilt. Durch diese Gespräche kommt oft schon von selbst die Lust.
Der zentrale Teil unserer Arbeit ist dann körperorientiert. Wie benutzen Menschen ihren Körper? Was nehmen sie wahr und was empfinden sie? Dazu gehören konkrete körperliche Übungen unter unserer Anleitung. Wir beobachten, berühren oder massieren – natürlich immer nach vorheriger Absprache und so, wie der jeweilige Mensch es zulassen kann und wie es für ihn oder sie gut und passend ist.
Solche Dinge müssen wirklich im Körper erfahren und verankert werden, der Körper sollte bewohnt und gebraucht werden. Und sich selber lustvoll zu spüren, motiviert sehr zum Weitermachen.

VINICO: Viele Menschen erleben in länger dauernden Beziehungen ein Nachlassen ihrer Lust. Was kann man dagegen tun?


Meier: Es ist ein Fact, dass die Lust mit der Zeit nachlässt, da ist auch nichts Schlimmes daran. Was wir aber tun können: Wir können der Lust ihren Stellenwert erhalten und dafür sorgen, dass sich zwei Menschen weiterhin auf Augenhöhe begegnen. Oft besteht der Irrweg darin, dass jeder denkt, die Bedürfnisse des Partners zu kennen, und ihn dann so verwöhnt, wie er denkt, dass es dem andern gefällt. Dabei fallen die eigenen Bedürfnisse unter den Tisch und es bleibt in der sexuellen Begegnung die kleinste gemeinsame Schnittmenge übrig, eine Komfortzone, die sehr eingeengt ist, weil die vielfältigen Spielarten so nicht erforscht werden können.
Dabei bestehen riesige Möglichkeiten gerade in den Bereichen, die nicht ganz sicher und vertraut sind. Es geht darum, zu zeigen, was man selbst gerne macht und sich selbst zu erotisieren. Dann wird auch der Partner erotisiert, der Blick auf den Partner verändert sich, und es ergeben sich spannende neue Bereiche. Ein zu wenig beachteter Punkt ist dabei auch die Masturbation, Selbstliebe, wie wir sie gerne nennen. Sich selber mit der eigenen Lust beschäftigen, sich entdecken, sich selber genießen und dabei wahrnehmen, was einem gefällt. Das gibt auch Sicherheit in der partnerschaftlichen Sexualität.

VINICO: Haben Frauen tatsächlich weniger Lust als Männer?


Meier: Nein, das kann ich nicht bestätigen. Meistens hat ein Partner mehr Lust als der andere, aber das kann auch die Frau sein.
Ein tatsächlicher Unterschied besteht aber in der Ausrichtung der Lust: Frauen sind emotional empfänglicher, sie möchten sich beim Sex intim öffnen und verschmelzen. Auch der Wunsch nach Kindern spielt natürlich eine Rolle.
Männer sind zielorientierter, sie sind mehr auf das Genitale fixiert, sie wollen ejakulieren und einen Orgasmus haben.

VINICO: Was ist ihr Patentrezept, um diese unterschiedlichen Bedürfnisse zusammenzubringen?

Meier: Austauschen über die Bedürfnisse, reden – wirklich ehrlich reden! Dazu können wir bei Manumagic einen guten Rahmen bieten. Meistens stellt sich dann heraus, dass die Bedürfnisse gar nicht so weit auseinander liegen, wie es anfangs schien. Zentral ist aber, dass die Sexualität Zeit und Raum bekommt. Viele haben ihre Woche absolut durchgetaktet, mit Arbeit, mit Sport, mit Freunden … Dann gilt es erst einmal überhaupt Zeit zu reservieren, um sich als Paar zu begegnen und eine sinnliche Lebenskultur zu entwickeln. Es braucht eine klare Entscheidung, ein Ja zur Sexualität.
Ganz wichtig: Die Paare bekommen bei uns "Hausaufgaben". Es hilft wenig, sich nur in unseren Räumen mit Sexualität zu beschäftigen, sondern unsere Anregungen müssen im Alltag der Paare erprobt und verankert werden.

VINICO: Gibt es auch Situationen, in denen sie nicht helfen können?


Meier: Wenn eine Partnerschaft extrem verheddert und verstrickt ist, dann braucht es zuerst einmal eine andere Form der Beratung. Diese Paare kommen aber auch nicht zu uns.
Schön ist, dass wir ein gutes Netzwerk von befreundeten Kollegen haben, zum Beispiel auch Psychologen, die Paare zu uns schicken, wenn sie merken, dass ihnen diese körperliche Arbeit guttun würde.

VINICO: Um noch ein Klischee anzusprechen: Tun sich Männer schwerer als Frauen, über ihre Lust zu sprechen?

Meier: Häufig sind tatsächlich die Frauen die Initiatorinnen und die Männer haben anfangs eine größere Scheu. Das gibt sich aber schnell.

VINICO: Ist Lust noch immer zu sehr Tabu-Thema? Oder ist unsere Gesellschaft eher über-sexualisiert?

Meier: "Tabu" würde ich es nicht mehr nennen. Die meisten Bereiche der Sexualität sind entmystifiziert und wir sind viel aufgeklärter als zum Beispiel noch vor 30 Jahren.
Was ich eher als Problem sehe: Unsere Sexualität ist außenorientiert. Wir haben jede Menge Bilder: Pornos und visuelle Bilder. Diese sind an sich überhaupt nicht schlimm, aber sie sind eindimensional und legen großen Wert auf die äußere Erscheinung. Es fehlt also ein Gegengewicht: Unsere ganz eigenen Bedürfnisse, das Entdecken unseres Körpers, unser Sex-Appeal! Ich sehe hier ein Spiegelbild unserer Gesellschaft: Es geht viel zu oft darum, dem Außen zu entsprechen. Dabei liegt die Hauptarbeit darin, bei uns selbst anzusetzen. Wir müssen das Wesentliche in unserem Inneren wieder finden!
Das Ideal wäre, da schon bei jungen Leuten anzusetzen. Aufklärung sollte sich längst nicht nur um technische Dinge drehen, sondern um positive Erfahrungen mit dem eigenen Körper, von Anfang an. Ich bin mir sicher, dann hätten wir insgesamt eine andere, bessere Gesellschaft!

 

Hier findest Du Manu Roland Meier:

http://www.manumagic.ch/

 

 

 

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