"Sich seines Kerns bewusst sein"

Männerthemen, Männerprobleme, Männerfragen: Damit kennt Walter H. sich aus. Nicht nur, weil er selbst ein Mann ist und sich gründlich damit auseinandergesetzt hat. Als Facharzt für Psychotherapie und Chefarzt einer Privatklinik berät er Einzelpersonen und Paare unter anderem zu Sexualität, Beziehung und Liebe, außerdem bietet er Austauschgruppen und Outdoorseminare für Männer an. Privat ist er leidenschaftlicher Kajakfahrer auf Wildwasser, schläft lieber im Zelt als im Hotel und sägt das Holz für seinen Schwedenofen selbst.


VINICO: Sie haben ein sehr offenes und einfühlsames Buch über Männer geschrieben. Müssen wir nach der Lektüre unser Männerbild revidieren?

Walter H. : (lacht) Vielleicht. Mein Ziel war aber nicht, für alle Männer generell zu sprechen, es ging mir darum, meine eigenen Erfahrungen zu formulieren. Ich war Single und habe mich über ein Bezahlportal im Internet auf Partnerinnensuche gemacht. Meine Erfahrungen zeigten mir: Das ist ja abenteuerlich! Hinzu kommt meine Lust am Schreiben, sodass ich die Idee hatte, das Ganze in einem Buch zu verarbeiten.

VINICO: Gibt es nicht schon jede Menge Bücher über Liebe, Partnerschaft, Partnersuche?

Walter H. : Zum Thema "Partner finden im Web" gab es tatsächlich vorher so gut wie nichts. Zu Partnerschaft und Sexualität gibt es natürlich viel, viel mehr, aber gefühlt 98 Prozent von Frauen. Und das, was von Männern geschrieben wurde, ist entweder flapsig, salopp, Gossensprache – darin hab ich mich gar nicht wiedergefunden –, oder wissenschaftlich-steril. Mir ging es aber um das Subjektive, Persönliche, die Kamera im Auge des Handelnden.

VINICO: In Ihrem Buch zeigen Sie sich als Mann sehr reflektiert, aber auch sensibel und verwundbar. Die entspricht nicht gerade dem gängigen Klischee vom "harten Typen", der alles locker wegsteckt, jedes Problem mit Coolness löst und keine Gefühle zeigt.

Walter H. : Ich wollte nicht primär das Klischee widerlegen. Dass mein Buch dieses Klischee unterhöhlt, ist mir aber durchaus recht. Mein Anliegen war, dazu beizutragen, dass Männer und Frauen sich besser verstehen und sich weniger wehtun. Es ist ja auch einfach so: Spätestens nach dem dritten Treffen ist der Lack ab, nach der ersten Krise in der Beziehung sowieso, und dann kommt das Eigentliche jedes Menschen zutage.

VINICO: Welche Reaktionen haben Sie auf Ihr Buch bekommen?

Walter H.: Fast 100 Prozent positive! Klar kam auch hier und da mal: "Was für ein wachsweicher Typ!" Aber ich habe offensichtlich ein Bedürfnis getroffen. Frauen – die übrigens auch unter meiner Leserschaft in der Mehrheit sind –, schreiben mir, es sei ihnen jetzt klarer, warum ihre eigene Partnerschaft nicht funktioniert oder warum die Männer für sie so unverständlich reagieren. Im Streit übergeht man ja oft die Zwischengedanken – genau dies war die Chance und der Akzent meines Buches: Ich erlebe, und dann kann ich dazu reflektieren. Dies regt die Leserin und den Leser an, selbst mehr nachzudenken: Was löse ich aus? Will ich das wirklich?
Die Rückmeldung von Männern auf mein Buch lautet: "Endlich bringt’s einer auf den Punkt!"

VINICO: Immer wieder betonen Sie in Ihrem Buch den hohen Stellenwert von Ehrlichkeit und Offenheit in der Partnerschaft. Ist dies das Geheimrezept, um Seitensprünge, Affären und Trennungen zu verhindern?


Walter H.: Es wäre zu kühn, das zu behaupten. Aber es ist schon so: Je mehr ich mich in der Partnerschaft nicht offen zeige, desto mehr leiste ich Irrtümern Vorschub. Nehmen wir einen Wunsch im sexuellen Bereich: Wenn ich diesen nicht anspreche, trage ich dazu bei, dass er zum Tabu wird. Und dann mache ich der Nachbarin schöne Augen, die mir suggeriert, bei ihr gebe es keine Tabus. Dabei wäre vielleicht meine Partnerin begeistert gewesen von meinem Wunsch!

VINICO: Sollte man dem Partner/der Partnerin wirklich alles erzählen? Jede Fantasie?

Walter H.: Nein, da gibt es natürlich schon Dinge, die kontraproduktiv wären. Erstens: Während der sexuellen Verbindung wäre es nicht passend, über andere Fantasien zu sprechen – zum Beispiel, dem Partner während des Sex zu erzählen, dass man in der Fantasie gerne mit Brad Pitt schlafen würde. Zweitens: Wenn die Fantasie völlig irreal ist und der Partner sie in keinster Weise erfüllen kann, ist es auch nicht immer sinnvoll, diese zu erzählen.
Am Kaffeetisch zu zweit kann es aber durchaus spannend und auch nicht verletzend sein, sich darüber auszutauschen, was an Brad Pitt so faszinierend ist. Dann kann der Partner sich überlegen, was er davon vielleicht auch erfüllen kann ... und möchte (!)  und was nicht.
Allgemein wirkt es aber sehr enttabuisierend, wenn in einer Partnerschaft über Visionen, aber natürlich auch über andere Dinge, offen gesprochen werden kann. Sonst entsteht leicht Scham – und Scham ist der größte Liebeskiller überhaupt.

VINICO: Wie meinen Sie das?

Walter H.: Ein Beispiel: Ich hatte mal ein sexuelles Erlebnis mit einer Frau, die nachher den Kontakt abbrechen wollte, weil ihr rechter Zeigefinger amputiert war und weil sie an Gewicht zugenommen hatte. Das fand ich schade – den amputierten Zeigefinger hatte ich nicht mal bemerkt, und auch das Gewicht hatte nichts mit ihrer erotischen Ausstrahlung zu tun!

VINICO: Liest man ihre Gedanken zur Schönheit, so können manche Frauen wahrscheinlich aufatmen ...

Walter H.: Ja, Frauen sind sicher viel zu selbstkritisch und auch fremdkritisch, anderen Frauen gegenüber. Männer sind da oft lockerer, zum Teil aber auch nachlässiger.  
Und vor allem greifen Frauen viel zu oft zu den falschen Mitteln, um ihrer Schönheit nachzuhelfen. Sie rennen in die Drogerie und kaufen ein Cremchen nach dem anderen, anstatt sich zu fragen: Welche Themen entspannen mein Gesicht? Wie oft lächle ich am Tag? Ich als Mann möchte an einer Wange mehr spüren, als dass sie frisch verputzt ist. Und Haare, die sich wirklich nach Haaren anfühlen!

VINICO: Haben es Männer heute schwerer als früher?


Walter H.: Ja. Denn es gibt kein klares männliches Rollenverständnis mehr, also nicht mehr "Ich muss so und so sein, dann bin ich ein Mann."
Von der Entwicklung her ist das natürlich gut, wir haben viel mehr Möglichkeiten, bezogen auf den Selbstwert kann das aber schwierig sein. Stellen Sie sich vor, ich komme mit einem teuren Schlitten zum Date und dann ist die Dame Mitglied bei den Grünen und hat gerade eine Petition gegen Spritfresser gestartet!
Oder wir kriegen gesagt, wir sollen Gefühle zeigen. Wenn wir es tun, sind wir ein Softie. Solche Themen bewegen wohl jeden Mann, der auf 3 zählen kann, und es herrscht eine große Unsicherheit. Dabei ist die Frage "Was ist richtig?" natürlich schon von sich aus Blödsinn, weil wir dann immer unseren eigenen Standpunkt verlassen und einen angepassten Standpunkt einnehmen – unsere Projektionen von den Kriterien anderer. Wir laufen also den Erwartungen der anderen hinterher und wissen eigentlich gar nicht, was diese Erwartungen sind.

VINICO: Was hilft dagegen?

Walter H.: Sich mit anderen Männern zusammentun, sich austauschen, um sich selbst klarer zu werden über sich selbst.
Um ein Individuum zu sein, muss man sich seines eigenen Kerns bewusst sein. Dieser Kern ist unverzichtbar und nicht verhandelbar. Ob ich im Sitzen oder im Stehen pinkle, darüber kann ich mit meiner Partnerin diskutieren und Kompromisse machen. Aber nicht übers Eingemachte, über mein Wesen, zum Beispiel, was mir richtig weh tut, oder wo meine Grenzen verlaufen, oder wo ich Respekt brauche.
Und dann ist es auch ganz wichtig, die eigenen Unsicherheiten einzugestehen und zu akzeptieren – sich selbst gegenüber und im Gespräch mit anderen Männern.

VINICO: Ist das der Sinn Ihrer Männergruppen?

Walter H.: Ja. Auf dem Fußballplatz wird es wohl kaum dazu kommen, dass Männer wirklich über ihr Innerstes sprechen. Dafür braucht es einen anderen Rahmen. So etwas braucht auch Zeit, eine Risikobereitschaft und ein Vertrauen, das sich langsam aufbaut. Dann können Männer wegkommen von ihren Hahnenkämpfen und sich zeigen, wie sie wirklich sind. Zum Beispiel auch sagen, wenn sie einen Knoten im Bauch haben. Und lernen, auf ihr Innerstes und ihre Impulse zu vertrauen.

VINICO: Warum fällt es Männern schwerer als Frauen, über Persönliches zu sprechen?


Walter H.: Das liegt sowohl in der Entwicklung als auch in den Genen. Die unterschiedliche Entwicklung ist ja allgemein bekannt. Zu den Genen kann man feststellen: Traditionell war es Sache der Männer, das Gnu oder das Wildschwein zu jagen. Wenn sie da langes Palaver machten, war das Schwein weg, die Schwätzermänner wurden also aussortiert. Frauen haben sich gemeinsam in der Dorfgemeinschaft um die Kinder gekümmert und dabei war ein kommunikativ und sozial engagiertes Verhalten Voraussetzung. Unsere Gene können wir nicht so einfach umstellen.

VINICO: Was können Frauen tun, um in der heutigen Situation für eine gute Mann-Frau-Beziehung zu sorgen?


Walter H.: Das Wichtigste ist: für ein gutes weibliches Selbstbewusstsein sorgen. Manche Frauen haben es da sehr leicht, weil sie in dieser Hinsicht viel von ihrer Mutter mitbekommen haben, in dem Sinne: Dein Körper, deine Gedanken, deine Gefühle sind ok. Vielen wurde das aber nicht vermittelt und vorgelebt. Daraus entsteht leicht eine Verteidigungshaltung, und dann wird es schwierig. Die Frau ist nicht mehr Ich, gibt ihre eigene Meinung auf – und wundert sich, warum sie nicht mehr spannend ist und keine Kontur mehr hat.
Ein anderes Thema: eine meist von den Müttern antrainierte Mütterlichkeit der Frauen in der Partnerschaft. Ein äußerst zweischneidiges Schwert und brandgefährlich! Natürlich kann es als Mann wunderbar sein, mit einer Suppe und einem warmen Pullover verwöhnt zu werden. Aber auf Dauer zerschießt sich die Frau damit ihre Attraktivität – und dann kommen wieder heftige Klagen!

VINICO: Wie kommt man – oder besser gesagt: frau – aus dieser Falle raus?


Walter H.: Wenn die Frau als erotisch, sexuell wahrgenommen werden will, sollte sie die Mütterlichkeit auf jeden Fall dosieren und genau aufpassen, wo der Partner darauf empfindlich reagiert! Dabei ist das Motiv ("gut gemeint") egal, die Wirkung bestimmt der Empfänger, also in diesem Fall der Mann.
Und nochmal, ganz allgemein: Um eine gute Verbindung zu haben, ist zuerst einmal der eigene Standpunkt wesentlich – für Frauen und für Männer!

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