Selbstbefriedigung ist ein Grundbedürfnis!

"Selbstbefriedigung ist ein völlig normaler Teil der Sexualität – bei Singles und bei Paaren", sagt Claudia Elizabeth Huber. Als Sexological Bodyworkerin bietet sie Sex-Coachings, Kurse und Workshops an. Dabei begleitet sie speziell Frauen hin zu einer reichen und erfüllten Sexualität, kommt aber auch täglich mit deren Ängsten, Hemmungen und Problemen in Berührung – gerade im Bereich Solo-Sex.

VINICO: Dürfen Frauen genauso masturbieren wie Männer?    

Huber: Ja, klar! Und es sind sicher deutlich mehr Frauen, die es tun, als die darüber sprechen.

VINICO: Warum reden Frauen weniger darüber? Ist weibliche Selbstbefriedigung immer noch ein Tabu?


Huber: Es gibt schon noch Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Bei Männern geht jeder davon aus, dass sie masturbieren, die meisten Männer schämen sich auch nicht dafür. Frauen haben da deutlich mehr Hemmungen. Teils sind noch immer alte Erziehungsmuster wirksam – "Da unten fasst man sich nicht an!" –, teils liegt es auch an den Frauen selbst. Zum Beispiel an dem Glaubenssatz "Ich hab’s ja nötig", also der Angst, zu den ganz Unersättlichen zu gehören. Wir haben noch keine Kultur der Selbstliebe.

VINICO: Was sind die größten Hemmungen von Frauen?

Huber: "Ich komme mir blöd vor." Oder: "Ich verrate meinen Partner.", "Warum bin ich zu blöd, um beim Sex mit Partner zum Orgasmus zu kommen?" Allgemein wird Single-Frauen eher zugestanden zu masturbieren als Frauen in Partnerschaft. Wobei es ja für jede Frau ein völlig normaler, selbstverständlicher Teil ihrer Sexualität ist, sich (auch) selbst zu befriedigen.
Aber es gibt auch Frauen, die sagen: "Ich weiß gar nicht, wie das richtig geht mit der Selbstbefriedigung."

Claudia Elizabeth Huber

VINICO: Ihre Tipps? Wie kann man diese Hemmungen abbauen?

Huber: Ich finde es ganz wichtig, darüber zu sprechen. Ein Austausch unter Frauen macht vielen erst bewusst: Selbstbefriedigung ist ein Grundbedürfnis! Ein natürlicher biologischer Trieb – wie essen, trinken, schlafen, aufs Klo gehen.
Natürlich möchte aber nicht jede Frau mit ihrer Freundin offen über ihre Sexualität plaudern. Dafür gibt es Möglichkeiten wie in einem Sexualcoaching, um diese Themen im geschützten Rahmen und mit professioneller Unterstützung anzugehen.
Wichtig ist dabei immer: sich kennenlernen, neugierig sein, einen Bezug zu sich finden. Da muss nicht alles gleich voll zur Sache gehen.
Einfach sich anfassen, berühren, ausprobieren, seinen Gefühlen nachspüren. Dann ergibt sich meistens ganz viel von selbst.

VINICO: Was können Frauen mit Selbstbefriedigung entdecken?

Huber: Sich als stark und selbstwirksam zu erleben. Es gibt immer noch diesen common sense: Der Mann macht der Frau den Orgasmus. Das ist in der Realität natürlich völliger Quatsch.
Bei der Selbstbefriedigung sind die Frauen nicht auf den Partner fokussiert, sondern auf sich selbst. So können sie sich entdecken, experimentieren, sich steuern und regulieren, vielleicht auch richtig austoben.
Manche entdecken dann auch, dass es verschiedene Arten des Solo-Sex gibt – Selbstbefriedigung kann als reines Reiz-Reaktions-Schema ablaufen, es kann aber auch eine richtige Kunst sein, mit ganz viel Kreativität.
Die meisten Menschen konzentrieren sich ständig darauf, besser im Bett zu werden. Kaum jemand denkt daran, besser zu werden in der Selbstbefriedigung. Dabei gibt es so viel zu erleben, wenn man sich darauf einlässt!

VINICO: Welche Rolle spielen dabei Sextoys?

Huber: Natürlich muss man nicht unbedingt Toys haben, um sich selbst zu befriedigen. Sie sind aber eine wunderbare Ergänzung und bringen noch einmal ganz andere Qualitäten mit sich – natürlich nicht nur alleine, sondern auch beim Sex zu zweit.
Mein Tipp ist: Bevor man sich als Paar mit einem Toy vergnügt, sollte erst mal jeder alleine damit ausprobieren – zum Beispiel, wie der Vibrator funktioniert, wie er sich anfühlt, ob und wie er ein gutes  Gefühl gibt.

Selbstbefriedigung: Kein Grund, sich zu verstecken! (Bild: © iStock.com)

VINICO: Nützt oder schadet die Selbstbefriedigung einer Partnerschaft?

Huber: An sich ist die Selbstbefriedigung ein extrem bereichernder Faktor. Beide Partner lernen sich selbst besser kennen, sorgen für sich – und können auf dieser Basis wunderbar aufeinander zugehen.
Problematisch für die Partnerschaft wird es höchstens, wenn die Masturbation – speziell beim Mann – einen Suchtcharakter annimmt, wenn es nur noch um "Druckwichsen" geht und der Mann vom Kopf her gar nicht mehr frei wird für seine Partnerin. Das ist aber auch nicht der Regelfall.
Grundsätzlich haben Menschen, die sich selbst befriedigen, auch mehr Lust auf Sex mit Partner. Und der Druck ist nicht so groß, beim Sex zu zweit immer einen Orgasmus haben zu müssen. Das nimmt zusätzlich Stress aus der Paarbeziehung und lässt Freiraum, Neues mit dem Partner auszuprobieren.

VINICO: Manche Männer sind allerdings eifersüchtig auf den Vibrator ihrer Partnerin …

Huber: Das stimmt, es gibt Männer, die Angst haben vor einem Statusverlust, dass er also ersetzt werden könnte durch das Sextoy – was natürlich Unsinn ist. Ich denke, da hilft es nur, ins Gespräch zu gehen. Von Seite der Frau: zu erklären, dass Sex mit Toy etwas ganz anderes ist, dass emotional da überhaupt nichts dranhängt. Frauen sind meist auf Pornos ihrer Männer eifersüchtig. Wenn beide Seiten ein Verständnis füreinander und für die jeweils anderen Bedürfnisse entwickeln, löst sich die Eifersucht von alleine auf oder verändert sich das Verhalten der Partner.

VINICO: Wie steht es mit dem Thema Fantasien? Es gibt Menschen, speziell Frauen, die sich für ihre Fantasien beim Solo-Sex schämen.

Huber: Ja, diese Schamgefühle sind gar nicht so selten. Und ich kann nur sagen: Für keine Eurer Fantasien müsst Ihr Euch schämen! Öfter handelt es sich dabei um Vergewaltigungsfantasien. Diese sind aber keineswegs unnormal, sondern sogar sehr gängig – und haben nichts mit der Realität zu tun. Meist steckt ohnehin ein ganz anderes Thema dahinter. Es geht lediglich um Bilder, Ideen, ein Werkzeug, das uns dabei hilft, scharf zu werden. Fantasien spielen eine ganz wichtige Rolle beim Sex und man kann sie einfach genießen. 

VINICO: Eine letzte Frage: Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Masturbation?

Huber: Da jede Frau erst einmal lernen muss, wie sie zum Orgasmus kommen kann, gibt es bei der weiblichen Selbstbefriedigung eine viel größere Variabilität und sie ist dadurch kreativer. Frauen wissen, dass sie unterschiedliche Orgasmen erleben können, die aber erst entwickelt werden müssen – zum Beispiel, wie die Frau sich berühren und stimulieren muss, um einen vaginalen oder klitoralen Orgasmus zu bekommen.
Dass hier die Vielfältigkeit sehr groß ist, erkennt man ja auch schon daran, dass Sextoys für Frauen deutlich vielfältiger sind, etwa beim grundsätzlichen Unterschied, ob sie vaginal oder klitoral stimulieren.
Männliche Selbstbefriedigung ist viel intuitiver, funktioniert automatischer. Das ist natürlich Vor- und Nachteil. Da die Vorgehensweise zum Orgasmus zu kommen sehr ähnlich ist, experimentieren Männer weniger in ihrer Selbstbefriedigungspraxis, obwohl es so viel zu entdecken gäbe. Viele Männer nutzen Selbstbefriedigung zum Beispiel auch zum Stressabbau.
Ein Stückweit können Männer und Frauen aber jeweils auch die Welt des anderen in ihrer Selbstbefriedigung entdecken – also dass Männer neue Qualitäten in ihrer Masturbation entdecken und Frauen lernen, wie sie sehr direkt zum Orgasmus kommen und damit Stress abbauen –, wenn sie sich darauf einlassen und sich weiterentwickeln.

Hier findest Du Claudia Elizabeth Huber:

www.claudia-elizabeth-huber.de

www.sexcoaching-stuttgart.de

 

 

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