Nie wieder Sex wegen Herpes?

Interview mit Ute Sperle zu Herpes genitalis

Herpes im Genitalbereich - ein sehr relevantes Thema, das viele Menschen in Deutschland betrifft. Genital-Herpes äußerst sich typischerweise in einem schmerzhaften Bläschenausschlag am Unterleib, der von Viren übertragen wird.
Diese Krankheit breitet sich weiter aus. Kondome können schützen. Somit ein wichtiges Thema für Kondomberater / Vinico.
Die Expertin auf dem Gebiet ist Ute Sperle aus Neckartenzlingen (Baden-Württemberg). Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema und hat ein Buch mit dem Titel "Herpes genitalis" geschrieben. Mit ihr haben wir gesprochen.

Im Fokus: Herpes genitalis

VINICO: Frau Sperle, was ist Herpes eigentlich?
Ute Sperle: Herpes ist eine Viruserkrankung. Am bekanntesten ist der Lippenherpes, bei dem man an
Lippe oder Nase kleine Bläschen bekommt. Das kennt wahrscheinlich jeder. Hierbei handelt es sich
um den Herpes-Typ 1. Nicht so bekannt ist vermutlich der Typus 2, auch Herpes genitalis genannt.
Meist wird dieser Virentyp durch Sex übertragen. Auch der Lippenherpes kann z. B. bei Oralverkehr
zu Herpes genitalis führen. Egal mit welchem Virentyp man sich infiziert hat: Das Virus bleibt
ein Leben lang im Körper und kann immer wieder zu Ausbrüchen führen. Ungefähr 75% aller Deutschen
stecken sich im Laufe ihres Lebens mit Herpes an.

VINICO:  Was waren ihre Beweggründe, sich mit dem Thema zu beschäftigen?
Ute Sperle: Herpes, klar, das kennt man. Stört beim Küssen, doch eine Geschlechtskrankheit? Mich hat
es damals völlig umgehauen, als ich von meinem Arzt erfuhr: "Frau Sperle, Sie haben Herpes genitalis."
Wie bitte? Was ist das? Und wie komm ich denn an so was? Heute weiß ich, allein in Deutschland sind
vom Herpes genitalis Hunderttausende betroffen. Und das Gefährliche daran: Die meisten haben von
dieser Krankheit noch nie etwas gehört. Dabei ist sie extremst ansteckend.

VINICO:  Welche Symptome kann es geben?
Ute Sperle: Bei der Erstinfektion entstehen schmerzhafte offene Stellen und Blasen im Genitalbereich,
verbunden mit Juckreiz, Ausfluss und Schmerzen beim Urinieren. Bei der Frau bilden sich Gruppierungen
von Bläschen und entzündete Stellen im Bereich der Schamlippen, möglicherweise auch in der Vagina und am Gebärmuttermund. Beim Mann zeigen sich diese Symptome auf der Eichel und dem Penis oder auch innerhalb der Harnröhre, ebenfalls verbunden mit Schmerzen. Durch oralen oder analen Sex werden diese Viren übertragen und können so auch den Enddarm oder den Mundraum und den Rachen betreffen. Die allgemeinen Anzeichen für einen Herpesausbruch sind Kopfschmerzen, Fieber, Müdigkeit und Ausfluss. Außerdem kommt es zu Schmerzen beim Wasserlassen und natürlich auch beim Geschlechtsverkehr. Die Lymphknoten schwellen an und die Haut an Armen, Oberschenkeln und Rücken reagiert empfindlich auf Berührung und tut weh. Solch ein Ausbruch kann 2 bis 3 Wochen lang dauern.
    
VINICO:   Wie gefährlich ist Herpes?
Ute Sperle: Herpes ist keine tödliche Krankheit, aber eine sehr unangenehme und vor allem eine bleibende. Es kann zu Bläschenausschlag und Entzündungen sowie zu Schmerzen kommen und im Extremfall auch zu bösartigen Tumoren an den Genitalien führen.

VINICO:   Wie und wo steckt man sich an?
Ute Sperle: Das größte Risiko für eine Ansteckung gibt es bei Sexkontakten mit Partnern, die an
Genitalherpes leiden. Hier werden die Viren direkt übertragen. Die Infektionsgefahr besteht natürlich
nicht nur bei normalem Geschlechtsverkehr, sondern bei allen intimen Aktivitäten, wo enger Körperkontakt besteht. So birgt auch Oralverkehr die Gefahr, dass man sich infiziert - nämlich dann, wenn die Viren vom Lippenherpes auf die Genitalien oder den Analbereich übertragen werden. Etwa 70% aller Menschen stecken sich bei jemandem an, ohne dass dieser etwas davon weiß. Es gibt nämlich viele Fälle, in denen die Symptome so schwach sind und fast unbemerkt ablaufen, dass die angesteckte Person überhaupt nichts davon mitbekommt. Trotzdem sind die Viren da, und die Gefahr, jemanden zu infizieren, ist genauso hoch.

VINICO: Muss ich jetzt auf Sex verzichten, um mich zu schützen?
Ute Sperle: Nein, natürlich nicht! Aber man kann einiges tun und beachten, um das Ansteckungsrisiko
so weit wie möglich einzuschränken.

VINICO: Was kann ich denn tun, um mich zu schützen?
Ute Sperle: Kondome zum Beispiel. Die können nicht nur vor Geschlechtskrankheiten, sondern auch
vor einer Herpesinfektion schützen. Das gilt nicht nur bei 'normalem' Sex, sondern auch bei
Anal- und Oralverkehr und bei anderen sexuellen Aktivitäten. Achtet darauf, dass das Kondom
nicht beschädigt ist, denn dann nützt es nicht mehr als Ansteckungsschutz. Auch klar, dass man
ein Kondom nicht mehrmals verwendet. Es gibt übrigens auch Frauenkondome (Anmerkung von Vinico:
Das Femidom zum Beispiel). Das sind Schläuche aus Polyurethan, die vor dem Sex in der Vagina
platziert werden und sie komplett auskleiden. Der äußere Rand liegt außerhalb der Scheide und
bedeckt den Genitalbereich. So schützt das Frauenkondom auch diesen Bereich und kann bei
Oralsex eine Herpesinfektion auf Mund, Nase oder Augen des Mannes verhindern.

VINICO: Schon mal etwas vom Kofferdamtuch gehört?
Ute Sperle: Auch das ist eine gute und einfache Möglichkeit, sich vor Ansteckung zu schützen.
Das Kofferdamtuch ist ein quadratisches Stück aus dünnem Latex, das über die weiblichen
Genitalien gelegt wird und bei oralem Sex vor einer Virenübertragung schützen kann. Das
Tuch lässt sich auch beim Analsex oder bei manueller Stimulation der Geschlechtsteile
verwenden, egal, ob beim Mann oder bei der Frau. Ein Tipp: Man kann sich ganz einfach
ein solches Kofferdamtuch selbst anfertigen, indem man ein normales Männerkondom der
Länge nach aufschneidet und ausbreitet. Dass man auf Sauberkeit achtet, sollte eigentlich
kein Thema sein, aber gerade im Hinblick auf Herpes ist dies besonders wichtig. Warmes
Seifenwasser tötet das Virus und darum hilft das Duschen oder wenigstens das gründliche
Händewaschen vor und nach dem Sex, die Virenverbreitung zu reduzieren.

VINICO: Gibt es Medikamente gegen Herpes?
Ute Sperle: Ja und nein! Leider kann man Herpes nicht vollständig heilen. Das heißt:
Einmal infiziert, bleibt das Virus ein Leben lang im Körper und kann immer wieder zu
Ausbrüchen führen. Bei akuten Schüben helfen Antibiotika, Salben gegen die Bläschen und
andere Antiviren-Medikamente. Bitte doktert nicht selbst herum, wenn ihr Beschwerden habt,
sondern sprecht mit eurem Arzt darüber, welche Medikation am besten geeignet ist.

VINICO: Wie oft kommen die Ausbrüche?
Ute Sperle: Das ist unterschiedlich. Bei manchen Menschen kommt es nur einmal zu
Symptomen, bei den meisten allerdings immer mal wieder. Das kann von einmal im Jahr bis
zu fünf- oder sechsmal pro Jahr reichen. Es gibt viele Faktoren, die einen erneuten Schub
begünstigen, wie psychischer Stress, Hautreizungen, Sonneneinstrahlung (Strand-/Winterurlaub),
andere Infektionen (Erkältungen z. B.) oder Verletzungen, Fieber, Hormonschwankungen etc.
    
VINICO: An wen kann ich mich wenden, wenn man Herpes hat?
Ute Sperle: Zu erfahren, dass man Herpes hat, ist für jeden am Anfang vielleicht ein Schock
und ihr denkt: "Hilfe, mit wem kann ich darüber sprechen", "Ich schäme mich so", "Ausgerechnet
mir passiert das", "Ich bin so verzweifelt, an wen soll ich mich wenden", oder ihr habt Wut
auf den, der/die euch angesteckt hat. Dann versteckt euch bitte nicht, sondern wendet
euch an den Arzt eures Vertrauens oder an mich, Ute Sperle.

Ich habe das Buch "Herpes genitalis – Leben mit einer sexuell übertragbaren Krankheit"
geschrieben und aus eigener Erfahrung viele Tipps und Hinweise zusammengetragen,
die euch helfen können, mit dieser Krankheit besser umzugehen.

Frau Sperle, vielen Dank für das Gespräch!